In wohl kaum einer Branche hat es in den vergangenen Jahren intern derart viele Umwälzungen gegeben wie bei Banken und Finanzdienstleistern. Doch davon ist bislang erstaunlich wenig bei den Konsumenten angekommen – vielleicht mit Ausnahme von Kontowechselservices oder der Multikontenverwaltung. Mit der Blockchain kündigt sich nun eine möglicherweise disruptive Technologie mit weitreichenden Auswirkungen für den Finanzsektor an. Das CHAINSTEP-Branchen-Spotlight zeigt, welche Teilbereiche der Finanzwirtschaft davon besonders profitieren könnten.

Zahlungssysteme
Während Bitcoin nach wie vor die Schlagzeilen als Zahlungsmittel, Spekulations- und Anlageobjekt dominiert, etablierte sich Ripple spätestens durch Hinzunahme von zehn weiteren Banken und Finanzdienstleistern Ende April diesen Jahres als spannende Alternative für das internationale Interbanking Settlement. Die Firma mit Büros in den USA, UK, Luxemburg und Australien senkt durch den Einsatz von Blockchain-Technologie die Kosten für den globalen Zahlungsverkehr und arbeitet an der Vision, den Austausch von Werten mit denen von Kommunikation (beispielsweise in Echtzeit bei Twitter) im Internet of Value (IoV) auf eine Stufe zu stellen.

CHAINSTEP-Einschätzung: Der Hype um Ripple auf den Märkten nimmt stetig zu. Die Firma entwickelt sich zunehmend zu einem wichtigen Dienstleister für Banken. Das IoV ist jedoch noch in weiter Ferne und eher für den B2B-Bereich interessant.

 

Die Deutsche Börse stellte Anfang 2017 mit „CollCo“ ihr erstes Konzept für den risikolosen Transfer von Handelsbankengeld mittels einer Blockchain-Infrastruktur vor. Dabei werden P2P-Zahlungen mit dem CollCo-Token bei jedem Schritt parallel durch Sicherheiten zwischen den jeweiligen Eurex Clearing Mitgliedern begleitet. Einerseits wollen die Frankfurter damit bestehende, als auch neue Anwendungsfälle erschließen und Kosteneinsparungen realisieren. Schon 2016 hatte die Börse mit der Bundesbank an einem Blockchain-Projekt gearbeitet.

CHAINSTEP-Einschätzung: Die Deutsche Börse arbeitet mit „CollCo“ aktiv an der Zukunft und will Daten in Investment-Tools umwandeln. Exchange 4.0 kann also schon sehr bald Wirklichkeit werden.

 

Geschäftsmodelle
Während die einen ihr Geschäftsmodell noch optimieren (siehe oben), arbeiten Technologieanbieter wie Abra bereits daran, Bankdienstleistungen anzubieten, ohne selbst jedoch wie eine klassische Bank (bspw. mit Einlagensicherung und anderen regulatorischen Auflagen) zu agieren. Mittels einer Smartphone-Wallet-App kann Papiergeld (Dollar, Euro) einfach wie eine E-Mail versandt werden und wird von Abra-autorisierten Wechselstuben/Händlern per Smartphone in die lokale Währung zurückgetauscht. Im Hintergrund sorgt die Bitcoin-Blockhain für die Abwicklung. Durch Hedging wird die typische Volatilität von Kryptowährungen hier ausgeschlossen. Hinsichtlich der Geschwindigkeit und Transaktionsgebühren geraten „Platzhirsche“ wie Western Union schnell ins Hintertreffen.

CHAINSTEP-Einschätzung: Banken müssen sich auf weitere neue Marktteilnehmer aus fremden Branchen einstellen. Wer keine Blockchain-Kompetenz hat oder nicht einem Konsortium beitreten kann, läuft Gefahr, schnell obsolet zu werden.

 

R3 ist genau ein solches Konsortium und vereinte bis Jahresende 2016 70 der größten Banken und Finanzinstitute der Welt. Auf Basis der Blockchain-Technologie will das Unternehmen zu eine Art Microsoft der Finanzwelt werden und Zahlungen zwischen regulierten Teilnehmern vereinfachen und beschleunigen. Zusätzlich wird in einem „Labor“ die Weiterentwicklung der Blockchain betrieben sowie Lösungen für betriebliche Prozesse entwickelt.

CHAINSTEP -Einschätzung: Mit der Demission wichtiger Banken zu Jahresbeginn geriet R3 etwas aus der Puste. Man selbst glaubt, bei der Entwicklung kommerzieller Produkte noch Zeit zu haben. Das kann sich als trügerisch erweisen.

 

Smart Contracts
Die knapp 90 in der Enterprise Ethereum Alliance (EEA) vereinten Firmen und Startups aus den Bereichen Technik, Consulting und Finanzen wollen noch einen Schritt weitergehen und mit den sogenannten „Smart Contracts“ eine völlig neue Businesslogik etablieren. Diese selbstablaufenden und nicht stoppbaren Programme bilden das Rückgrat von Ethereum und ermöglichen die Digitalisierung vieler unserer Alltagshandlungen und Unternehmensabläufe. Die größte Herausforderung ist dabei das Zusammenspiel von ausreichender Transparenz und dem zur Durchführung von Transaktionen notwendigen Vertrauen.

CHAINSTEP -Einschätzung: Das Vorhaben der EEA ist ambitioniert und die Mitglieder haben schon eine lange Wunschliste. Wenn Ethereum seine geplanten Entwicklungsschritte im Sommer/Herbst vollzieht, könnten erste Services bald verfügbar sein.

 

Æternity denkt die Smart Contracts noch sehr viel weiter. Durch die Hinzunahme von Orakeln (externe Daten oder Verifikationen) können Blockchains noch für viele weitere Branchen und Anwendungsfälle relevant werden. In der Version von Æternity sorgt ein dezentralisiertes Orakel für den konstanten Zufluss von aktuellen (Realwelt-)Daten, mit denen dann wiederum Smart Contracts interagieren können. Dem Datenschutz wird durch die Möglichkeit, sowohl die Contracts als auch wichtige Businessdaten außerhalb der Blockchain zu behalten, besonders Sorge getragen.

CHAINSTEP: Die Kombination der öffentlichen Ethereum-Blockchain mit smarten Orakeln scheint derzeit der beste Weg, um nach vielen Whitepapers und Proof of Concepts endlich praktische Erfahrungen im Umgang mit Smart Contracts zu machen.

 

Hinweis: Am 29.6 diskutiert das „Innovationsforum Blockchain“ bei einem Meetup ab 18 Uhr über die Relevanz von Blockchain für Banken und den Finanzsektor. Moderiert von Frank Bolten (CHAINSTEP) wird Prof. Dr. Philipp Sandner (Frankfurt School of Finance) über Zahlungssysteme sprechen, Moritz Gerdes (comdirect bank AG) über Geschäftsmodellinnovationen und Dr. Jörn Heckmann (Kanzlei CMS) über Smart Contracts. Hier geht es zur Anmeldung